Zurück

Der Einfluss von Aerosole auf Zyklone im Nordatlantik

Dorothea Banse (Dissertation 2008) & Die Versenkung der „RAWALPINDI (1939)Der 945mb Zyklon am 26. November 1939 

12 November 2008

 Forschungen bestätigen, dass anthropogene Aerosolemissionen den Niederschlag und die Zyklonendynamik über dem Nordatlantik beeinflussen können[1]. Mit dieser Frage beschäftigt sich auch die Arbeit von D. Banse[2]. Dieser Beitrag soll die Frage von Zyklonbeeinflussung in einen mehr pointierten Zusammenhang stellen und greift eine Ereigniskette auf, die sich vor 69 Jahren abspielte, als der 2. Weltkrieg noch keine drei Monate alt war.

 Die 28cm Geschosse die das Schlachtschiffs „Scharnhorst“ südöstlich von Island auf den englischen Hilfskreuzer „RAWALPINDI“ , 16 601 BRT groß, 8 x 15-cm-Geschütze, in über 10 Kilometer Entfernung am 23 November 1939 abfeuerte, erreichten in weniger als 20 Minuten das gewünschte Ergebnis. Trotz heftiger Gegenwehr sank der Hilfskreuzer nach einer gewaltigen Explosion und nahm 238 seiner Seeleute mit in die Tiefe. Gerettet wurden nur 39 Besatzungsmitglieder. Kurz darauf verschlechterte sich das Wetter zugunsten der Angreifer, bestehend aus zwei Schlachtschiffen und sechs Zerstörern. Es wurde diesig und fing an zu regnen. Sofort wurde die Jagd nach der deutschen Flottille von zwei Dutzend Kriegschiffe der Royal Navy nördlich der Faroer und Schotland aufgenommen[3].  Alsbald fiel der Luftdruck vom 24. bis zum 26. November um ca. 65mb und entwickelte sich zu einem kräftigen Sturm. (Details siehe unten: Auszüge Witterungsbericht)  Als Zyklon zog er mit nur 945mb am 26. November an den Shetland Inseln vorbei. Hatten die Versenkung der „RAWALPINDI“ und die darauf folgenden Ereignisse[4] zu der Entstehung der Wetterbedingungen zwischen dem 23. und 26. November beigetragen, den Luftdruck tiefer getrieben, oder die Entstehungsdauer des Zyklons verlängert oder verkürzt?

 Ohne Zögern ist man geneigt, nein zu sagen. Der Feuerwechsel und die darauf folgenden Ereignisse hatten keinen Einfluss auf das Wetter. Doch wie ist das mit dem „Schmetterling Effekt“[5], wonach ein Flügelschlag eines Schmetterlings am Äquator  einen Tornado in den U.S.A. auslösen kann?[6] So eine wissenschaftliche Aussage war „Climate Change“ pur. Die große Politik nickte wohlwollend. Nun wisse man, wie das funktioniert. Seit dem Umweltgipfel von Rio de Janeiro in Jahr 1992 ist Klima Gegenstand globaler Politik. Doch hätte man sich nicht vorher den Wetterverlauf nach der Versenkung der „RAWALPINDI“ anschauen sollen? Hatten die Seekriegsaktivitäten einen kleinen Prozentsatz zum Drucktief von 945mb beigetragen oder die Zyklonenentwicklung um Stunden verlängert oder verkürzt?

Seekriegerische Aktivitäten feindlicher Flottillen in den hochsensiblen Seegebieten des mittleren Nordatlantik können dieses komplexe dynamische System weit mehr beeinflussen als mit dem „Schmetterling Effekt“ geriert wird. Geschosse, Wasserbomben und kreuzende Schiffe können in kurzer Zeit riesige Seeflächen umpflügen und damit warme und kalte Wasserschichten austauschen. Fing es nicht gleich nach dem Gefecht an zu regen?  Setzen nicht explodierende Geschosse und sinkende Schiffe große Mengen von Aerosolpartikel frei welche die Niederschlagsintensität unterstützt haben können? Haben diese Einflüsse die Windgeschwindigkeit erhöht? Hat dies einen Dominoeffekt gehabt: je stärker der Wind, desto mehr entzieht der Zyklon der See Wärme, desto tiefer fällt der Luftdruck, was wiederum mehr Wind generiert. 

Dieser Frage nachzugehen war das Ziel der Doktorarbeit (2008) von Dorothea Banse: ‚Welchen Einfluss haben Aerosole auf Zyklone im Nordatlantik’, u.a. anhand einer Fallanalyse des Zyklons Grace im März 2000, der auf einer ähnlichen Bahn verlief wie der Zyklone im November 1939, aber nur einen Druckbereich von 995hPa bis 1010hPa umfasste. Es sollte festgestellt werden, ob anthropogene Emissionen einen Einfluss hatten. Es ist hier nicht zu diskutieren, warum bei dieser pauschalen Ansatzweise ein verneinendes Ergebnis nicht zu sehr überraschen sollte. Erfolgreicher wäre eine Untersuchung des hier dargestellten Ereignisses möglicherweise ausgefallen, wenn die Seekriegsaktivitäten über knapp drei Tage einerseits, einem gleichzeitigen Luftdruckabfall von 50mb andererseits, gegenübergestellt werden. Feuerspeiende Schlachtschiffgeschütze, Bombenabwürfe auf See (F. 4) und sich jagende Flottillen bewirken sicherlich mehr als fliegende Schmetterlingshorden.  

Auszüge aus dem Witterungsbericht der SEEWARTE

23. Nov. 1939  Das Resttief bei Island dringt nun langsam ostwärts vor. Auf seiner Rückseite dringt wieder frische Kaltluft vor.

24. Nov. 1939: Auf der Rückseite der südnorwegischen Störung kann die Kaltluft nunmehr, nachdem das gestern bei Island gelegene Tief bis an die Westküste der skandinavischen Halbinsel vorgedrungen ist, nunmehr bis nach Nordengland und die Nordsee vordringen.

25. Nov. 1939: Die beschriebene Kaltluftzufuhr wird aber bereits bald wieder verebben, da durch die sehr kräftige Entwicklung über dem Nordatlantischen Ozean Warmluft gegen Großbritannien und das Nordmeer geschaffen wird. Aus einem von der Davisstraße herangezogenen Tief ist ein umfangreiches Sturmtief geworden, nachdem ihm frische Kaltluftmassen aus dem Raume Grönland zugeflossen sind, und über Island fällt der Druck heute früh über 8mb in 3 Stunden bei orkanartigem Schneesturm aus Ost. Für diesen Tag eine Information aus der NYT (26/11): Entlang der Westfron ist Schnee gefallen und die höhere Luftschicht ist voll mit Schneewolken. Aus diesem Grund mussten fast all Aktivitäten am Boden und in der Luft eingestellt werden. 

26. Nov. 1939: Im Delta dieser auch heute noch erhaltenen Frontalzone vertiefte sich die nordatlantische Zyklone stetig weiter, und wurde ein ausgedehntes Sturmtief. Das Zentrum wandert in der Nähe 60. Breitengrad ostwärts und hat heute früh mit etwa 945mb die Gegend nördlich des Orkneys erreicht, wo vor 24 Stunden der britische Hochdruckkeil lag. Hier ist der Luftdruck um etwa 65mb in den letzten 24 Stunden gefallen, belegt ist ein Druckfall von 56mb auf den Faroer, wo nachts die dreistündige Änderung 10mb Fall betrug. Auch heute morgen ist das Fallgebiet noch außerordentlich stark (Hellisoy –bei Bergen- 14,6mb in 3 Stunden) und umfangreich.......


[1] Sonderforschungsbereich-512 der Universität Hamburg, Teilprojekt D3;  http://www.sfb.uni-hamburg.de/sfb512/tpd3_print.html

[2] Banse, Dorothea F. (2008 Dissertationen): “The influence of aerosols on North Atlantic cyclones”, in: Reports on Earth System/Berichte zur Erdsystemforschung, 53/2008; MPI-Met, Hamburg.

[3] Die brit. Admiralität setzt auf Notruf der Rawalpindi und die Meldung der Newcastle alle verfügbaren Streitkräfte zur Jagd auf die dt. Schiffe an; Siehe Rohwer, Jürgen, „Chronik des Seekrieges 1939-1945“; http://www.wlb-stuttgart.de/seekrieg/39-11.htm (Sektion: 21.– 27.11.1939 Nordatlantik)

[4] Laut New York Times (26/11) kam es am 25 Nov.1939 zu einem deutschen Bombenangriff auf die Britische Flotte nahe der Shetland oder Orkney Inseln.

[5] Der Effekt soll besagen, dass in komplexe dynamische Systeme, wie z. B. das Wetter, auf kleinste Abweichungen von dem Ist-Zustand mit großer Empfindlichkeit reagieren können.   

[6] Diese bildliche Beschreibung entstand bei Forschungsarbeiten von Edward Lorenz in den 1960e Jahren über die Erstellung von die Wettervorhersage mit dem Computer.